Dieser Artikel beschäftigt sich mit den Strukturen und Geweben, die unmittelbar vom Sattel betroffen sind. Hierbei kann man im Umfang eines Artikels nur ein Einblick geben. Die einzelnen Teile eines Organismus müssen immer im Hinblick auf das große Ganze betrachtet werden. Jede Struktur steht in Zusammenarbeit mit anderen und dadurch entstehen Wechselwirkungen, die sich auf den gesamten Organismus ausweiten.
Für Leser, die “Blick hinter die Kulissen – Teil 1” schon gelesen haben, könnten Wiederholungen in den Erklärungen auftauchen – ich möchte gewährleisten, dass beide Artikel und die Zusammenhänge im Körper unabhängig voneinander verstanden werden können.

Knochen

Knochen

Knochen sind die festesten Bestandteile unseres Körpers und bilden das Grundgerüst. Im Bezug auf den Sattel liegt hier das Hauptaugenmerk auf den Wirbeln der Brust- und Lendenwirbelsäule, den Rippen und der Schulter.

Wirbel

Die Brustwirbelsäule des Pferdes besteht aus 18 Brustwirbeln. Die Dornfortsätze dieser Wirbel können im Bereich des Widerrists bei einem Großpferd bis zu 30 cm lang werden. Durch das Aufsteigen ohne Aufstiegshilfe und die damit verbundene einseitige Lasteinwirkung kommt es über die Dornfortsätze zu starken Hebelwirkungen auf die Wirbel und umliegenden Gewebe. Dies äußert sich häufig darin, dass die betroffenen Pferde beim Aufsteigen nicht stehen bleiben ( können! ). Nicht selten kommt es in diesem Bereich, unter anderem auch durch muskuläre Verspannungen zu Blockaden, eingeschränkter Bewegung und damit verbundenen Schmerzen.
Mit dem letzten Brustwirbel ist auch die berühmte “letzte Rippe” verbunden. Dieser Bereich bildet den Anschlusspunkt für die potentielle Auflagefläche des Sattels. Aber wieso eigentlich?
Hinter dem 18. Brustwirbel beginnt die Lendenwirbelsäule, bestehend aus 6 Wirbeln. Dieser Bereich ist bei weitem nicht mehr so tragfähig wie der Brustwirbelbereich, da ihm sie statische Unterstützung der Rippen fehlt.

Rippen ( 8 echte, 10 Atmungsrippen)

Bei den Rippen unterscheidet man sogenannte “echte” von “falschen” Rippen. Die “echten” Rippen sind die ersten 8, die oben knorpelig mit den Wirbelkörpern und unten mit dem Brustbein verwachsen sind.

Die “falschen” Rippen sind die sogenannten Atmungsrippen. Diese Rippen sind nur knorpelig mit den Wirbelkörpern verbunden, somit ermöglichen sie eine Erweiterung des Brustkorbes während des Einatmens.

Die Rippen bilden eine gute Auflagefläche und haben ebenfalls eine stoßdämpfende Wirkung. Sie ermöglichen dem Reiter einen gewissen Sitzkomfort und Erleichtern der Rückenmuskulatur des Pferdes die korrekte Arbeitsfähigkeit.

Die echten Rippen sind mit dem Brustbein verwachsen und haben daher eine statische Aufgabe für den Rumpf des Pferdes. Aufgrund dieser Stabilität ist es möglich den Sattelgurt in dieser Region zu platzieren, genau genommen eine Handbreit hinter dem Ellenbogen. Die Stabilisierung des Brustkorbes hat allerdings auch den Effekt, dass die Fähigkeit zur Biegung in diesem Bereich minimal ist.

Schulter

Die Schulter besteht aus zwei Teilen, einem knöchernen Schulterblatt und einem darüber befindlichen halbmondförmigen Knorpel. Durch Bewegungseinschränkung kann es zu Verknöcherung des Knorpels führen. Eine Verknöcherung ist irreversibel und kann daher eine dauerhafte Schiefe im Pferd erzeugen.

 

Nerven

Nerven bestehen aus Zellen die auf die Weiterleitung von Reizen spezialisiert sind. Über diese Reizleitungsbahnen können Muskeln zur Arbeit angeregt (innerviert) werden.
Sind Nerven gestört entstehen sehr unangenehme Taubheitsgefühle oder bei Überreizung auch unerwünschte Reaktionen. Wird ein Nerv nachhaltig geschädigt, so dass er seine Funktion im Bereich der Muskelinnervation nicht mehr erfüllen kann, atrophiert die Muskulatur. Es erfolgen, vereinfacht gesagt, keine “Arbeitsanweisungen” mehr an den Muskel und er stellt daher die Arbeit weitestgehend ein und wird nicht weiter trainiert.

Weiterführend sind Nervenbahnen auch im Bereich der TCM und der Akupunktur ausschlaggebende Hilfsmittel um mit den Organen kommunizieren zu können. Beispielsweise liegen unter dem Sattel ein Teil des Blasenmeridians, auf dem sich unter anderem die sogenannten Shu-Punkte befinden. Diese Punkte dienen dazu mögliche Probleme in Organen festzustellen, sie werden auch als Zustimmungpunkte bezeichnet. Drückt nun ein schlecht sitzender Sattel immer wieder auf einen oder mehrere dieser Punkte, kann das durch ungewollte Akupressur dieses Punktes zu unerwarteten Problemen führen.

Muskeln

Muskeln

M. serratus ventralis – “Sägemuskulatur”

Diese Muskelgruppe dient der Stabilisierung des Rumpfes zwischen den Schulterblättern, die beispielsweise bei der Landung nach Sprüngen stark beansprucht wird.

M. brachiocephalicus – “Arm-Kopf-Muskel”

Dieser Muskel dient dazu, das Vorderbein nach vorn zu führen.

M. intercostal – “Zwischenrippenmuskeln”

Diese Muskelgruppe dient der Stabilisierung und hat Einfluss auf die Atmung. Bei Verspannungen kann es hier zu Einschränkungen der Atemfähigkeit durch Blockierung der Ausweitung des Brustkorbes kommen.

M. rectus abdominis – “gerader Bauchmuskel”

Der gerade Bauchmuskel ist ein Bewegungs- und Haltemuskel. Er trägt die Eingeweide und ermöglicht es der Rückenmuskulatur sich frei zu bewegen.
Ist der Bauchmuskel nicht entsprechend trainiert, so kann der Rückenmuskel nicht wie gewünscht arbeiten.

M. trapezius – “Trapezmuskel”

Dieser Muskel wird vom selben Nerv innerviert wie der M. brachiocephalicus. Er ist zuständig für die Bewegung der Schulter, das Feststellen des Schulterblattes und ist auch in der Lage dieses leicht anzuheben.
Muskuläre Dysfunktionen können zur eingeschränkten Beweglichkeit der Vorhand führen.

M. latissimus dorsi – “breiter Rückenmuskel”

Der M. latissimus dorsi ist eng mit M. serratus ventralis verbunden. Er ist verantwortlich für das zurückziehen der Vordergliedmaße und beugt das Buggelenk. Weiterhin verhindert er ein zu starkes Aufbiegen der Wirbelsäule bei starkem Zug auf diese.

M. pectorales – “Brustmuskel”

Der M.pectorales ist ein sehr kräftiger Muskel, der die Unterseite des Brustkorbes mit dem Oberarm, der Schulter und dem Unterarm verbindet. Wird dieser Muskel in seiner Funktion eingeschränkt, zum Beispiel zu einen zu engen Sattelgurt, kann das unter anderem eine starke Blockierung der Vorhand zur Folge haben.

 

Nackenband

Das Nackenband setzt sich aus der Nackenplatte, dem Nackenband und dem Nackenrückenband zusammen und führt vom Hinterhauptsbein (Occiput) über den Widerrist zum Kreuzbein. Es erreicht seine maximale Dehnung auf Höhe des Buggelenks.
Das Nackenband ist wichtig, da es die Muskulatur entlastet indem es das Pferd während der 14-16h Fresszeit ohne Muskelkraft in das Stabilisation unterstützt.

Wird das Nackenband blockiert, wird eine optimale Bewegung des Pferdes verhindert.

 

Faszien

Faszien sind Strukturen die unter anderem Muskeln, Muskelgruppen oder ganze Körperpartien umgeben. Sie sorgen dafür, dass die Muskulatur ungehindert arbeiten kann, indem sie Muskelbündel stabilisieren und dienen dazu, dass sie gleichzeitig arbeitende Muskulatur nicht gegenseitig behindert. Faszien haben auch Anteil am Transport von Lymphe durch den Körper. Kommt es durch Verspannungen zum Stau der Lymphe können Faszien verkleben und damit die Bewegung einschränken.
Faszien können durch unphysiologische Belastung geschädigt werden, dadurch können darunter liegende Muskeln verkleben und in ihrer Funktionalität stark einschränken.
Weiterhin nehmen auch psychische Faktoren Einfluss auf unsere Faszien. Stress sorgt dafür, dass sich die Beschaffenheit der Faszien verändert, die elastischen Teile werden durch wesentlich weniger elastisches Kollagen ersetzt. Die Faszien werden dadurch starrer und die Bewegungsfähigkeit wird behindert.

 

Organe

Organe

Lunge

Die Lunge ist dafür verantwortlich Sauerstoff in den Körper und Kohlenstoffdioxid aus dem Körper heraus zu transportieren. Durch muskuläre Blockaden oder zu enge Gurte, kann das Atemvolumen des Pferdes eingeschränkt werden.

Herz

Das Herz ist das Zentrum für den Transport des Blutes durch den Körper. Mit Hilfe des Sauerstoffes und der Nährstoffe im Blut werden alle Zellen des Körpers ausreichend versorgt.

Niere – Entgiftungsorgan und Ovarien – Eierstöcke

In unmittelbarer Nähe der Sattelauflagefläche liegen auch die Nieren des Pferdes und bei den Stuten zusätzlich die Ovarien.
Die Niere ist ein wichtiges Organ zur Entgiftung und kann auch schon durch dauerhaft festgehaltene Muskulatur in ihrer unmittelbaren Umgebung in ihrer Arbeit eingeschränkt werden. Weiterhin kann sie Traumata durch zu lange Sättel und zu schwere Reiter erleiden.
Die Nähe der Ovarien ist bei Stuten vor allem in der Zeit der Rosse interessant. In dieser Zeit kann es durch Beschwerden zu Schwierigkeiten in der Rittigkeit kommen.

Blutgefäße

Blutgefäße ziehen sich wie ein Netzwerk durch den ganzen Körper, sie sorgen dafür unsere Zellen mit den nötigen Nährstoffen zu versorgen, unter anderem wird Sauerstoff zu den Zellen und Kohlenstoffdioxid von den Zellen weg transportiert.
Eine eingeschränkte Sauerstoffversorgung der Muskulatur kann zu ungünstigem Abbau der Fettreserven und Stoffwechselstörungen führen.
Stress, Atmungsprobleme und Verspannungen sorgen für eine schlechte Versorgung und verengte Gefäße.
Werden die Abfallprodukte des Stoffwechsels nicht korrekt abtransportiert, können sie sich in wichtigen Nervenschaltzellen ablagern und durch die entstehenden Schmerzen zur weiteren Verspannungen führen.

 

Lage des Sattels

Zum Abschluss noch einmal die wichtigsten Punkte, die beim Satteln bzw. bei der Überprüfung des Sattels berücksichtigt werden müssen.

(1) Der Sattel liegt hinter Schulter und endet vor der letzten Rippe. Ist der Sattel zu lang, kann es zu Blockaden und falscher Belastung der Lendenwirbelsäule kommen. Liegt der Sattel zu weit vorn, wird die Bewegung der Schulter blockiert.
(2) Die Kammerweite ist für das Pferd angepasst und über dem Widerrist müssen 2-3 übereinander liegende Finger in die Kammer passen.
(3) Der Kissenkanal (Wirbelkanal) ist nicht zu eng, die Dornfortsätze werden nicht in ihrer Bewegung behindert
(4) Die Handprobe: Sowohl vorn als auch hinten muss eine flache Hand unter den  Sattelkissen schiebbar sein, ohne Pressdruck. Das bedeutet, die Hand darf inklusive Reitergewicht nicht gequetscht werden und muss herausgezogen werden können.

 

 

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