Ich möchte in diesem Artikel darauf eingehen, welche Strukturen und Gewebe sich am Pferdekopf befinden und damit von Zäumen beeinflusst werden könnten. Hierbei möchte ich darauf hinweisen, dass ich hier nur auf die wichtigsten Strukturen eingehen möchte und daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe.
In meinen Darstellungen habe ich mich für das englische kombinierte Reithalfter entschieden, da es meiner Meinung nach einfacher ist sich Riemen weg zu denken als hinzu. Andere Zäume können natürlich abweichen.

Weiterhin bitte ich meine Leser immer im Hinterkopf zu behalten, dass alle Strukturen miteinander interagieren. Die einen mehr, die anderen weniger, aber es handelt sich um einen Organismus mit dem wir uns befassen.

Knochen und Gelenke

Knochen sind die unflexibelsten Strukturen im Körper und bilden damit das Grundgerüst. Zwischen den einzelnen Knochen gibt es unterschiedliche Verbindungsstrukturen. Bewegliche Verbindungen zwischen zwei oder mehr Knochen wird als Gelenk bezeichnet.
Am Pferdekopf finden sich die folgenden wichtigen Knochen und Gelenke, auf die ich eingehen möchte:

Auf diesem Bild sind die wichtigen knöchernen Strukturen des Schädels (mit und ohne Zaum) zu sehen. Atlas und Axis – erster und zweiter Halswirbel. Der Schädel mit dem Oberkiefer, Zähnen und dem Nasenbein. Der Unterkiefer mit den zugehörigen Zähnen.

Atlas und Axis

Atlas, der erste und Axis, der zweite Halswirbel stellen die knöcherne Verbindung des Schädels mit der Wirbelsäule dar. Durch muskuläre Verspannungen, Zahnprobleme, Blockaden,Schmerzen und damit verbundene Schonhaltungen oder andere Einflüsse, können diese beiden Wirbel blockieren. Eine solche Blockade wirkt sich wiederum auf die Funktionsfähigkeit der Halswirbelsäule und damit nachgelagert auch auf den gesamten Bewegungsapparat aus.

Nasenbein

Bei den meisten Säugetieren so auch bei den Pferden, ragt das Nasenbein nach vorn am Schädel heraus. Dadurch kann es durch Einwirkungen von außen leicht zu Frakturen kommen. Ein zu fest verschnallter Nasen- bzw. Sperriemen drückt dauerhaft auf das Nasenbein und durch Hebelwirkungen bestimmter Zäumungen auf diesen Knochen kann es auch zum Nasenbeinbruch kommen.

Zungenbein

Das Zungenbein ist gelenkig mit dem Schädel verbunden und befindet sich zwischen den beiden Unterkieferästen. Es handelt sich hierbei um einen kleinen Knochen der aber durch muskuläre Verbindungen in enger Beziehung zum Unterkiefer, der Schulter und dem Brustbein steht. Blockaden des Zungenbeins können durch eine harte Reiterhand, Blockaden im Kiefergelenk, Blockaden in Atlas/Axis aber auch bei ruckartigen Bewegungen der Zunge im Pferdemaul bei Zahnbehandlungen.

Unterkiefer/ Kiefergelenk

Der Unterkiefer ist über das Kiefergelenk mit dem Oberkiefer gekoppelt. In Ober- und Unterkiefer befinden sich die Zähne. Über das Kiefergelenk und die Kaumuskulatur wird es möglich die Mahlbewegung beim Kauen zu realisieren. Gibt es Blockaden im Kiefergelenk, kann diese Bewegung nicht mehr ideal ausgeführt werden und es kann zu Zahnproblemen kommen, die eine andauernde Blockade des Kiefergelenks verursachen. Genauso können natürlich auch Zahnprobleme zu solchen Blockaden führen.

Zähne

Die Zähne des Pferdes sollten wie beim Menschen einmal jährlich kontrolliert werden, um Problemen vorzubeugen oder entstandene Probleme so gut wie möglich zu beseitigen. Zahnprobleme können zu starken Schmerzen, zu verminderter Futteraufnahme und zu Blockaden des Kiefergelenks, Zungenbeins und weiterer Gelenke führen, da die Pferde Schonhaltungen einnehmen um dem Schmerz zu entgehen.

Nerven

Ein Nerv ist ein Verbund von spezialisierten Zellen, den Nervenzellen. Diese Zellen sind dafür da um im Körper Informationen zu empfangen und weiterzuleiten bis zum Empfänger. Werden Nervenbahnen zerstört, herrscht im betroffenen Gebiet Taubheit und es können keine Informationen mehr weitergeleitet werden. Wird ein Nerv nicht vollständig zerstört, aber erhält einen Schaden, so kommt es auch zu Einschränkungen in der Reiz- (Informations-) Übertragung. Beispielsweise sind die Nerven auch dafür zuständig Muskeln die Information zur übermitteln, dass eine bestimmte Bewegung ausgeführt werden soll. Vier wichtige Kopfnerven des Pferdes werden hier betrachtet:

Diese Darstellung zeigt die wichtigsten Nervenausläufer am Kopf des Pferdes ( mit und ohne Zaum ). Der Nerv der in Höhe des ersten Halswirbels angedeutet ist, ist der Nervus Vagus. Die Nerven in der Mitte des Kopfes werden von oben nach unten wie folgt benannt: Nervus Infraorbitalis, Nervus Fascialis und Nervus Mentalis.

Nervus infraorbitalis

Dieser Nerv versorgt die Zähne des Oberkiefers, die Haut der Oberlippe und das untere Augenlid sensibel.

Nervus fascialis

Der Nervus fascialis ist für die Steuerung der Mimik des Pferdes verantwortlich.

Nervus vagus

Der Nervus vagus ist für Kopf, Hals, Bauch, Brust und die inneren Organe zuständig.

Nervus mentalis ( Nervus mandiularis)

Der Nervus mentalis ist ein Ast des Nervus mandibularis ( Unterkiefernerv), der die Unterlippe und das Kinn sensibel versorgt.

Beim Ausfall von Nervenbahnen kommt es wie schon erwähnt zu Lähmungserscheinungen. Beispielweise wird das Headshaking Syndrom in vielen Fällen auf eine Nervenstörung zurück geführt. Die oberen Nerven habe ich mit ihren groben Funktionen aufgeführt, damit man sich zu diesem Thema einmal inne halten kann und überlegen was passiert, wenn solche Nerven Lähmungserscheinungen bekommen.

Drüsen und Lymphknoten

Eine Drüse ist ein kleines Organ, welches Sekrete bildet und ausscheidet, die der Körper zur Realisierung seiner Funktionen benötigt. In der Nähe der großen Drüsen befinden sich auch Lymphknoten. Diese Lymphknoten haben die Aufgabe die Lymphe ( Gewebsflüssigkeit ) zu filtern. Sie gehören zum Abwehrsystem des Körpers. Die Lymphe muss gefiltert werden, da sie neben Nährstoffen auch Abfallstoffe und Krankheitserreger transportiert. Am Kopf des Pferdes gibt es zwei größere Drüsen, die vom Zaum direkt beeinflusst werden können.

Diese Darstellung zeigt wichtige Drüsen des Pferdekopfes und Halses (mit und ohne Zaum). Die Kieferspeicheldrüse links im Unterkiefer. Die Ohrspeicheldrüse rechts von den Ohren bis in den Hals reichend. Und die Schilddrüse unterhalb der Ohrspeicheldrüse – diese Drüse wurde nur zu Lageveranschaulichungszwecken mit in die Darstellung aufgenommen.

Ohrspeicheldrüse/ Kieferspeicheldrüse

Werden diese Drüsen durch zu wenig Ganaschenfreiheit beim Reiten oder durch zu eng verschnallte Riemen gequetscht, kommt es zu einer Unterproduktion von Speichel. Dieser Speichel wird allerdings benötigt und wichtige Verdauungsschritte vollziehen zu können. Die Nahrung kann schlechter verdaut werden und es kann weiterhin zur Bildung von Magengeschwüren kommen.

Lymphknoten

Die Funktion der Lymphknoten und der Lymphe habe ich ja bereits kurz beschrieben. Wenn nun die Lymphknoten und die Lymphbahnen gestört sind, kommt es so genannten Lymphödemen, also Ansammlungen von Lymphe. Diese Ödeme finden man im Bezug auf die oben genannten Drüsen typischerweise hinter den Ganaschen oder zwischen den beiden Unterkieferästen.

Blutgefäße

Das Blut ist unser “Lebenssaft”. Es transportiert Nährstoffe und Sauerstoff zu allen Zellen und nimmt das Kohlenstoffdioxid von ihnen mit um es abzutransportieren.
Der Kopf des Pferdes ist von vielen Blutgefäßen durchzogen. Werden einige davon gequetscht, so entsteht im Versorgungsgebiet dieser Gefäße eine Nährstoffunterversorgung der Zellen.

Diese Darstellung zeigt wichtige Blutgefäße am Kopf des Pferdes, mit und ohne Zaum.

Muskeln

Muskeln sind Organsysteme die es ermöglichen durch Kontraktion (Anspannen) und Relaxation (Entspannen) Strukturen des Körpers zu bewegen. Am Pferdekopf befinden sich vier wichtige Muskeltypen, die durch die Auswirkungen eines Zaums beeinflusst werden können.
Verspannungen der Muskulatur können durch einseitige Belastung, Überlastung, Blockaden und unter anderem auch durch Stress entstehen.

Die Darstellung zeigt wichtige muskuläre Strukturen im Bereich des Pferdekopfes (mit und ohne Zaum). Auf der Stirn des Pferdes befindet sich der M. Temporalis. Auf Höhe des Unterkiefers befindet sich der M. Masseter. Am Hals vom Unterkiefer abwärts befindet sich der M. Sternomandibularis. Vom Genick abwärts befindet sich der M. Brachiocephalicus.

Temporalis / Masseter

Diese beiden Muskeln gehören zur Kaumuskulatur und sind weitestgehend für das Schließen des Kiefers verantwortlich. Bei zu eng geschnallten Riemen oder starken Verspannungen dieser Muskulatur durch andere Faktoren, kommt es zu Problemen beim Ausführen der korrekten Kaubewegung, damit verbunden auch der Speichelproduktion, die durch selbige Bewegung angeregt wird.

Sternomandibularis

Der Sternomandibularis verbindet seinem Namen entsprechen des Sternum ( Brustbein ) mit der Mandibula ( Unterkiefer ). Ist dieser Muskel zu stark beansprucht durch falsche Reitweise oder ähnliches, entsteht der typische Unterhals. Starke Verspannungen dieser Muskulatur haben Auswirkungen auf Brustbein, Unterkiefer und nachgelagert auch auf die daran angefügten Strukturen.

Brachiocephalicus

Dieser Muskel verbindet den Oberarm mit dem Kopf. Einseitige Belastungen oder auch Verspannungen, haben wiederum Auswirkungen auf Kopf, Oberarm, Schulter und die nachgelagerten Strukturen.

Luft- und Speiseröhre

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Die Darstellung deutet die Lage der Luft und Speiseröhre an. Beide sind untereinander angedeutet, da sie sich nebeneinander befinden. Die ringförmige Struktur stellt die Luftröhre, die glatte die Speiseröhre dar.

Luft und Speiseröhre liegen beim Pferd nebeneinander im unteren viertel des Halses unterhalb der Halswirbelsäule. Vom Zaum direkt sind die beiden nicht direkt beeinflusst, aber durch das Reiten hinter der Senkrechten. Die Speiseröhre ist davon aufgrund ihrer Beschaffenheit weniger belastet. Die Luftröhre wird allerdings durch sogenannte Knorpelspangen stabilisiert, damit sie auch beim einatmen nicht zusammenfällt. Aufgrund dieses Konstrukts ist es möglich die Luftröhre beim Reiter hinter der Senkrechten zu quetschen, so dass den Pferden das atmen deutlich erschwert wird bis nahe zu verhindert wird.

Wie spielen die Strukturen zusammen?

Ich möchte das an dieser Stelle so formulieren:
Die Knochen bilden das Blut und stabilisieren als Grundgerüst den Körper. Das Blut transportiert wichtige Nährstoffe und Sauerstoff in alle Zellen und nimmt das ihr gebildetes Kohlenstoffdioxid mit in die Lunge zum Abtransport über die Atemwege. Die Atemwege dienen weiterhin dazu neuen Sauerstoff für das Blut und damit dem gesamten Organismus bereitzustellen.
Die Nervenzellen innervieren die Muskulatur sich zu kontrahieren, wodurch es unter anderem auch zur Bewegung von Gelenken und damit zur Bewegung der Knochen kommt.
Die Drüsen dienen dem Ablauf von vielseitigen Prozessen im Körper, hier beispielsweise der Unterstützung der Verdauung durch Speichelproduktion.

Es handelt sich hierbei um einen komplexen Funktionskreislauf, den wir versuchen sollten mit unseren Zäumen, Sätteln und der Reiterei so wenig wie möglich zu stören.

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