Ganzheitliche Therapie

Für mich bedeutet ganzheitliche Therapie, dass für die Anamnese und für die anschließende Wahl der Therapie im wesentlichen drei große Felder in Augenschein genommen werden sollten: der Körper, die Psyche und das Umfeld.

Bei ganzheitlicher Therapie greift symbolisch gesprochen “ein Rädchen ins andere”. Alles bedingt sich gegenseitig und wir müssen als Therapeuten die Zusammenhänge erkennen und darauf basierend den Therapieansatz  auswählen.

Körper

Beim Körper werden alle physisch auftretenden unphysiologischen Merkmale aufgenommen.
Dabei ist nicht nur der jetzige Zustand zu betrachten, sondern auch Verletzungen oder organische Probleme aus der Vergangenheit zu berücksichtigen.

Psyche

Die Psyche ist bei Tieren schwer einzuschätzen, da sie sich meist für uns Menschen nicht klar zeigt. Dennoch ist es aufmerksamen Beobachtern möglich Auffälligkeiten und Veränderungen in der Psyche eines Tieres wahrzunehmen und zu formulieren.
Für die Behandlung werden auch hier alle Auffälligkeiten und Veränderungen mit hinzugezogen.

Umfeld

Das Umfeld ist ebenfalls ein entscheidender Faktor und Bedarf genauer Beobachtung. Zum Umfeld zählen für mich Dinge wie Stallhygiene, Haltungsbedingungen und Fütterung.
Allerdings zählen auch der Tierbesitzer, die Pfleger, Stimmung in der Herde und auch die allgemeine Stimmung am Stall eine wichtige Rolle.
Neben falscher Fütterung, mangelhaften Haltungsbedingungen oder anderen Faktoren kann sich auch Stress  in Krankheiten widerspiegeln.

 

Ein Beispiel – Indira

Indira ist mein zweites Pferd. Ich habe sie im August 2017 gekauft und bin kurz darauf mit ihr und meinem ersten Pferd Chiquita ins schöne Hessen umgezogen. Kurz bevor ich und ihr damaliger Besitzer entschieden, dass sie mit mir nach Hessen kommt, habe ich sie das erste mal behandelt.
Sie wies Bewegungsschwierigkeiten auf und war damit und durch ihre mangelnde Muskulatur mit dem Reiter überfordert. Weiterhin war ihr Ernährungszustand verbesserungswürdig und ihr Blick war sehr stumpf.

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Am Tag der ersten Behandlung. – Kurz vor dem Kauf.

Im Folgenden möchte ich an ihrem Beispiel den ganzheitlichen Therapieansatz aufzeigen. Sie hat mich bisher viel gelehrt, wofür ich ihr sehr dankbar bin.

 

Umfeld

Das Umfeld war auch bei Indira ein entscheidender Faktor. Als ich sie gekauft habe stand sie mit meinem Pferd Chiquita und acht weiteren Pferden in einer Herde.
Gesellschaft ist für Pferde sehr wichtig, aber für alte Pferde kann zu viel Trubel schnell sehr stressig werden.
Nach dem Kauf von Indira zogen beide Pferde mit mir zusammen um und teilen sich nun zu zweit einen großzügigen Paddock mit zwei Unterständen und einer Weide für den Sommer.
Pferde kompensieren sehr kalte Temperaturen mit vermehrtem Fressen. Stimmt die Qualität des Winterfells nicht – ist es beispielsweise nicht dicht genug – müssen sie noch mehr fressen um sich warm zu halten.
In Indiras Fall war die Winterfellqualität zu Anfang des Winters nicht optimal und der Ernährungszustand war mangelhaft. Daher bot es sich an sie bei ihrer Thermoregulation durch Eindecken zu unterstützen.

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Eindecken wegen mangelnder Thermoregulationsfähigkeit

Allerdings muss beim Eindecken immer beachtet werden, dass zu dünne Decken eher einen kontraproduktiven Effekt haben. Das Problem ist dann das folgende:
Die dünne Decke drückt aufgrund ihres Gewichts die Haare nach unten und verhindert damit die natürliche Wärmeisolation durch das Aufstellen der Haare, weiterhin ist die Decke dann allerdings zu dünn um diesen Effekt auszugleichen.

Ein wichtiger Akpekt bei alten Pferde ist das zunehmende Bedürfnis zu schlafen. Durch die zweier Konstellation und das ruhige Umfeld ist Indira immer in der Lage sich ohne Stress hinzulegen und zu schlafen. Dabei stehen häufig mein Pony oder sogar auch die Paddocknachbarin – wie hier im Bild – dabei und halten die Augen offen während sie schläft.

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Erhöhtes Schlafbedürfnis

Wichtig in Indiras Umfeld ist auch die Geborgenheit in der sie lebt. Ich bin sehr häufig bei meinen beiden Pferden und gebe mir große Mühe beiden die gleiche Aufmerksamkeit zu geben, damit keiner das Gefühl hat hinten anzustehen. Dabei respektiere ich die Bedürfnisse der beiden, da sie charakterlich einige Unterschiede aufweisen.
Neben meiner Pflege und Arbeit mit ihr, hat Chiquita hier auch einen großen Teil zur Verbesserung von Indiras Zustand beigetragen. Sie ist eine wahre Freundin – wie man sie in Zeiten braucht in denen man nicht gut dran ist.

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Ein entspanntes Verhältnis in der Gruppe

Sie lässt ihr ihre Ruhe, wenn sie sie braucht, aber stachelt das ältere Mädchen auch ab und zu mal an mit raus an die frische Luft zu gehen oder sich wieder an gegenseitiger Fellpflege und ähnlichem zu beteiligen. Indira konnte es sehr lange nicht aushalten, wenn Chiquita sie kraulen wollte oder ihr zu nahe kam. Mittlerweile haben wir es im Teamwork geschafft, dass sie schon kleine Krauleinheiten zulassen und genießen kann.

So oft mein Pony seine schwarze Freundin auch manchmal ärgert. Wenn es hart auf hart kommt, stellt sie sich vor sie und passt auf dass Indira nichts passiert. Wie schon gesagt, eine echte Freundin für harte Zeiten. Und wie wahre Freunde teilt auch Chiquita Indira ab und zu ein symbolisches “stell dich nicht so an” mit, das sie ein ganzes Stück aus der Lethargie zurück geholt hat.

 

Hufe

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Einblutungen im Huf

Indiras Hufe waren zum Zeitpunkt des Kaufs nicht im optimalen Zustand.
Während der ersten Bearbeitung fielen zu lange Zehen und zu enge untergeschobene Trachten auf. Weiterhin konnten Einblutungen in der Sohle und Hufgeschwüre gefunden werden.
Durch regelmäßige Hufbearbeitung des Barhufes sind heute keine Einblutungen mehr zu sehen und bisher sind keine neuen Hufgeschwüre aufgeflammt. Die Zehen und Trachten werden regelmäßig bearbeitet und damit Stück für Stück korrigiert.

 

Zähne

Zu Anfang kaute Indira “Röllchen”, damit ist gemeint, dass sie bereits gekaute Heurollen wieder ausspuckte, da sie sie nicht richtig weiter kauen konnte.
Ich bestellte einen Zahnarzt und kurz vor dem Termin brach sogar einer der Zähne raus.

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Herausgebrochener Backenzahn

Bis dahin hieß es noch, ich hätte ein 16 jähiges Pferd vor mir (wenn man dem Pass glauben schenkt), allerdings war das schon vorher etwas in Zweifel geraten. Anhand des ausgefallenen Zahns und der anschließenden Untersuchungen wurde klar, dass mein Mädchen schon um die 24 Jahre alt ist. Da der Zahn nicht sauber ausgefallen war und noch ein Stück im Maul war, war ein Klinikbesuch fällig, der aufklärte warum sie so schlecht kauen konnte. Ihr wurden noch zwei weitere Zähne gezogen, von denen der ein jahrelanger Entzündungsherd gewesen sein musste.

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Zahnbehandlung

Seit der OP kaut sie nur noch sehr selten “Röllchen” (1-2 x im Monat ein Röllchen), diese lassen sich aber auf die zahlreichen Zahnlücken zurück führen die sie im Maul hat.
Aufgrund des Alters war der Heilungsprozess etwas verzögert, aber mittlerweile ist alles gut verheilt.

Futterumstellung

Indiras alter Speiseplan bestand aus Gras bzw. Heu (im Winter) ad libitum, gelegentlichen Gaben von Mineralfutter und großen Mengen Brot.
Ich habe ihre Ernährung umgestellt auf Heucobs, Heu ad libitum und tägliche Gabe von Mineralfutter und Ölsaaten. Dazu kommen je nach Bedarf Kräuter oder andere ausgewählte Zusätze.
Das Thema Fütterung werde ich in anderen Blog-Artikeln näher beleuchten und werde mich hier auf die Aussage beschränken, dass die Futterumstellung notwendig war.

 

Wundversorgung und Narbenbehandlung

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Entzündetes Areal am Mähnenkamm

Seit sie bei mir war, kamen immer mal wieder kleinere und größere Hautirritationen zum Vorschein. Diese wurden je nach Bedarf  homöopathisch und durch Spülungen mit  Calendula und kolloidalem Silber behandelt.
Ein großes Thema bei ihr waren und sind Narben, die regelmäßig entstört und versorgt werden müssen um sie so durchlässig und geschmeidig wie möglich zu halten.

 

Akupunktur und Meridiantherapie

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Akupunktur im Bereich des Mähnenkamms

Durch Akupunktur und Meridiantherapie habe ich alte Blockaden im Fluss der Energieleitbahnen des Körpers aufgelöst und damit physische und psychische Heilungsprozesse in Gang gesetzt.
Unter anderem werden die Meridiane auch von Narben immer wieder gestört sein und darum müssen diese Behandlungen bei Bedarf wiederholt werden.

 

Farblichttherapie

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Farblichttherapie

Die Farblichttherapie habe ich immer wieder unterstützend mit hinzugezogen. Es handelt sich hierbei um eine sehr sanfte Therapiemethode, da sie aus Abstand mit Hilfe von farbigem Licht durchgeführten lässt. Ich konnte sie unter anderem sehr gut bei Beschwerden im Kiefer (vorallem vor der Zahn-OP) und bei der Entstörung von Narben verwenden.

 

Massagen und Faszienbehandlung

Aufgrund zu starker und fehlerhafter Belastungen des Bewegungsapparates, sowie angespannter flacher Atmung kommt es bei Indira immer wieder zu Verspannungen der Muskulatur bzw. zu Verklebungen im Faszialensystem.
Durch regelmäßige Massagen und Faszienlösungen wurde die Bewegung erleichtert und es konnten alte/falsche Bewegungsmuster dezimiert werden.
Speziell die regelmäßige Massage der Zwischenrippenmuskulatur äußerte sich in einer deutlichen Verbesserung der Atmung.

 

Homöopathie

Homöopathisch habe ich Indira bisher durch eine Konstitutionstherapie unterstützt, die sich über deutliche Verbesserung der Fellbeschaffenheit und des Bewegungsapparates gezeigt hat.
Weiterhin erhielt sie homöopathische Unterstützung während des Heilungsprozesses der Wunden nach der Zahnextraktion eines Vorderzahns im Unterkiefer.

 

Körperwahrnehmung und Bewegungstherapie

Bewegung ist wichtig, um den Kreislauf in Gang zu halten und die Muskulatur aufzubauen bzw. aufrecht zu erhalten.

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Wahrnehmungsschulung mittels Körperbandagen

Im Fall von Indira war die Muskulatur nicht mehr sehr gut ausgeprägt und die Bewegungsmuster waren unrein im Takt. Sie hatte sehr große Schwierigkeiten in Wendungen und allgemein beim Ausbalancieren. Um ihr wieder ein besseres Gefühl zu geben nahm ich mir die Wahrnehmungsschulung mittels Körperbandagen zur Hilfe, dadurch bekommt das Pferd sanfte Impulse, die ihm helfen zurück zum korrekten Bewegungsbild zu finden.

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Bewegungstherapie durch freies Arbeiten in ruhigem Tempo

Das weitere Training im ersten halben Jahr bestand für Indira aus Bewegung in Freiarbeit, wobei ich auf ruhiges Tempo achtete und die Aufgaben an ihre Tagesform und allgemeine Kondition und Konstitution anpasste.
Durch gelegentliche Spaziergänge habe ich versucht Abwechslung für sie zu schaffen.
Seit kurzer Zeit ist sie in der Lage ruhig zu galoppieren und wir haben mit leichter Stangenarbeit begonnen.

Zustand März 2018:

In Indiras Leben hat sich einiges geändert. Sie ist nun ein fester Bestandteil meiner kleinen Pferdeherde und bekommt jeden Tag (mit wenigen Ausnahmen) meine Aufmerksamkeit. Der Glanz ist in ihre Augen zurück gekehrt und sie ist viel interessierter an ihrer Umgebung.
Ihr Fressverhalten ist deutlich besser geworden und ihr Futterzustand hat sich bereits verbessert.
Ihre Muskulatur baut sich langsam auf und man sieht deutlich, dass ihr Bewegung wieder leichter fällt (sogar kleine Freudensprünge sind schon zu sehen).
Wir werden stetig weiter arbeiten und ich hoffe auf noch ein paar schöne Jahre mit ihr an meiner Seite.

Zustand sechs Monate nach dem Kauf

 

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